Leben im Bergischen Land unter Napoleon

Bis ins 19. Jahrhundert hinein litt ein Großteil der bäuerlichen Bevölkerung im Oberbergischen an der Doppelbelastung, mit den geringen Ernten die eigene Familie zu ernähren und zugleich ihrer Abgabepflicht nachzukommen. Von dieser Pflicht zeugt noch heute die auch als rotes Haus bekannte Zehnscheuer am Fuße des Schlosses, in der ab dem 17. Jahrhundert die Abgaben der Bauern, der ­sogenannte Zehnt, gelagert wurden. Für die Bauern selbst blieb nach den Abgaben nicht viel übrig. Die kargen Böden der Region waren wenig ertragreich, außer Kartoffeln, Roggen und Hafer gedieh kaum etwas. So konzentrierte man sich verstärkt auf die Viehzucht, wobei vor allem Schweine, Ziegen und Hühner gehalten wurden, da die Versorgung von Rindern kaum zu leisten war. Die Tiere waren jedoch nicht für den eigenen Verzehr vorgesehen – dazu waren sie viel zu wertvoll. Während auf dem eigenen Speiseplan weiter Haferbrei und Kartoffeln standen, wurden die Tiere an Großhändler verkauft. Um die regionale Wirtschaft zu fördern, wurde 1851 der noch heute stattfindende Waldbröler Viehmarkt gegründet, der der Region eine wichtige Bedeutung in der Nutztierwirtschaft bescherte. Lange war der Viehhandel eine der wenigen Möglichkeiten für die Bauern, Bargeld zu erwirtschaften, denn Lebensmittel und sonstige Alltagsprodukte wurden noch immer über den Tauschhandel erworben.

Erst die Französische Revolution Ende des 18. Jahrhunderts gab den Anstoß, der das Jahrhunderte alte Elend der Bauern beenden sollte. Ein bedeutender gesellschaftlicher Wandel setzte damals ein: Aus der einstigen Ständegesellschaft sollten sich liberalere Strukturen ohne feudale Abhängigkeiten entwickeln. Unter dem berühmten Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wehrten die Franzosen sich gegen die als ungerecht empfundene Gesellschafshierarchie. Als besonders erfolgreich in diesem Aufbegehren zeigte sich der damals etwa 20-jährige Napoleon Bonaparte (1769 – 1821), der als erbarmungsloser Eroberer Europas und als Modernisierer der gesellschaftlichen Ordnung zu einer Schlüsselfigur der europäischen Geschichte werden sollte. 1804 wurde der ehemalige General zum französischen Kaiser gekrönt, und er erneuerte sein Land von Grund auf. In seinem berühmten Gesetzbuch „Code civil“ wird erstmals die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz formuliert. Nicht nur in Frankreich, auch in den anderen besetzten Ländern sorgte er für eine neue Ordnung. Seine Herrschaft veränderte die Struktur Deutschlands wesentlich, als aus der Vielzahl an Kleinstaaten Gebiete zu größeren Einheiten zusammengefasst wurden. Mit dieser staatlichen Neuordnung gingen Modernisierungen und Reformen von Recht, Verwaltung und Finanzen einher. So wurden erste Standesämter eingeführt, die Geburten, Trauungen und Todesfälle erfassten.

Doch Napoleons Herrschaft brachte nicht nur Ordnung ins Oberbergische, das ab 1808 unter französischer Besatzung stand. Für seine gewaltige Armee brauchte er vor allem Soldaten und Geld. So mussten die Bürger der beherrschten Gebiete hohe Steuern zahlen, während sie selbst in Armut lebten. Zudem wurden junge Männer gezwungen, in den Krieg zu ziehen und für einen Kaiser und sein Land zu kämpfen, das nicht ihr eigenes war. Doch bald gab es Widerstand. Auch im Bergischen Land wehrten sich die jungen Männer, die Napoleon Anfang des Jahres 1813, nach seiner Niederlage in Russland für den Militärdienst rekrutieren wollte. So griffen junge Wehrpflichtige, die sogenannten „Knüppelrussen“, die Rekrutierungsbeamten nur mit Knüppeln bewaffnet an. Endgültig besiegt wurde Napoleon 1815 bei Waterloo. Schließlich wurde auf dem Wiener Kongress über die Regierung Europas beraten und versucht, die Gesellschaftsstrukturen der vornapoleonischen Zeit wiederherzustellen. Langfristig wirkten die Reformen des ambivalenten Herrschers zwar nach, doch zunächst setze als Reaktion auf die Kriegswirren der Jahre unter Napoleons Regierung ein Rückzug vieler Bürger ins Private an.

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